Welle der Solidarität nach Unglück

Eine Lawine riss Simon S. am Mont Blanc in den Tod. Weil sein Leichnam nicht geborgen werden kann, gilt er als lebendig. Seine Witwe kämpft gegen die Bürokratie und erfährt jetzt viel Hilfe.

Von Benedikt Siegert
Nesselwang Die Geschichte von Carmen S. hatte im November im Allgäu für große Betroffenheit gesorgt: Ihr Mann Simon war im August 2024 in einer Eislawine am Mont Blanc ums Leben gekommen. Doch weil sein Leichnam auf rund 4000 Metern in einer Gletscherspalte liegt und nicht geborgen werden kann, gilt er noch immer nicht als tot. Seine Witwe muss weiterhin alle seine vertraglichen Verpflichtungen, darunter Kosten für Kredite und Versicherungen, erfüllen.
Seit Carmen S. im November durch einen Artikel in der Allgäuer Zeitung mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit ging, erfährt sie eine große Welle der Hilfsbereitschaft. 22.500 Euro gingen bisher auf einem Spendenkonto des Allgäuer Hilfsfonds ein. Vorsitzender Simon Gehring und Nesselwangs Bürgermeister Pirmin Joas übergaben den Betrag jetzt symbolisch an die junge Frau. Sie sei überwältigt von der Hilfsbereitschaft und dankbar, dass sie so viele Menschen unterstützen. Laut Schatzmeister Gehring verzeichnete der Allgäuer Hilfsfonds seit November mehrere hundred Einzahlungen. Die einzelnen Zuwendungen reichten von 5 bis 3000 Euro.
Im Fall selbst gibt es auch seit dem öffentlichen Bekanntwerden keine Neuigkeiten. Die französischen Behörden haben die Unfallermittlungen noch immer nicht abgeschlossen. Erst wenn der konkrete Unfallbericht von der französischen Alpinpolizei der Staatsanwaltschaft zugeht, könnte diese eine Sterbeurkunde ausstellen. Doch das ist auch über fünf Monate nach dem Unglück am 5. August 2024 nicht passiert.
Simon S. gilt damit rein rechtlich weiterhin so, als sei er verreist. Seine Witwe muss alle seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllen. Darunter die Kosten für Lebens- und Krankenversicherung. Bis heute zeigte der Konzern trotz der besonderen Begleitumstände keine Kulanz. Gegenüber Carmen S. hieß es, man müsse von einer „Lebensvermutung“ ausgehen. Obendrein drohte man der jungen Nesselwangerin mit einer Anzeige, sollte sie die Lastschriften der privaten Krankenversicherung weiterhin stornieren. Für ihren Mann bestehe in Deutschland nämlich weiterhin eine Krankenversicherungspflicht. Dass er seit August unter zehn Metern Eis begraben in einer Gletscherspalte liegt – offenbar unerheblich.
Unserer Redaktion gegenüber war der Konzern jedenfalls bis heute nicht zu einer Stellungnahme bereit. Nesselwangs Bürgermeister Pirmin Joas kündigte jedoch seine Hilfsbereitschaft an, sollte eine solche Ordnungswidrigkeitenanzeige tatsächlich bei der Gemeinde eingehen. „Wir wissen den besonderen Fall durchaus einzuschätzen“, sagt Joas. Der Rathaus-Chef berichtet von einer ungläubigen Starre und Betroffenheit der Menschen in der Marktgemeinde, als der Fall publik wurde. „Der Schicksalsschlag war ohnehin hart genug und wenn dann noch solche Begleitumstände dazu kommen – das hat viele Nesselwanger und darüber hinaus bewegt“, sagt Joas. Die stattliche Spendensumme zeige das.
Hilfsfonds-Schatzmeister Simon Gehring lobte Carmen S. für den mutigen Schritt, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Nicht alle könnten nach einem solchen Schicksalsschlag die Kraft dazu aufbringen. Der Fall des Nesselwangers und die Umstände sind für Gehring, immerhin schon seit Jahrzehnten für den Hilfsfonds aktiv, bislang einzigartig. Man nehme weiterhin Spenden unter dem Stichwort Carmen entgegen. Die junge Wahl-Allgäuerin ist aber nicht nur beeindruckt durch die Hilfsbereitschaft, die sie bislang in Form von Spenden erhalten hat, sondern auch durch viele menschliche Gesten, besonders aus der Nachbarschaft in der Zillhalde. „Das hat mich sehr beeindruckt.“ Sie hofft, dass sie zumindest nach einem Jahr ein amtliches Dokument erwirken kann, in dem ihr Mann für tot erklärt wird.