Flammen, Verzweiflung und Solidarität: Nach dem Brand in Röthenbach steht Familie Abichat vor dem Nichts. Aber die große Hilfsbereitschaft überwältigt sie. Wie sie die Brandnacht erlebt haben – und wie es weitergeht.
Röthenbach An Weihnachten hatte sich die zweieinhalbjährige Enkelin noch so über das Tiptoi-Buch gefreut. Jetzt ist es aufgeweicht. Wie fast alles, was Familie Abichat besaß. Dokumente, Bilder, Schulsachen, Möbel, Fotos, Erinnerungen: alles kaputt. Doch Wolfgang Abichat weiß, dass seine Familie und die anderen Bewohner des Mehrfamilienhauses in Röthenbach Glück hatten, dass nichts Schlimmeres passiert ist: „Unser Nachbar hat uns das Leben gerettet.“ Auch eine Woche nach dem Unglück zittert seine Stimme, als er erzählt, dass dieser den Notruf gewählt hat.
Das Unglück, das nicht nur das Leben der Familie Abichat innerhalb weniger Minuten verändert, geschieht in der Nacht auf den 27. Dezember. Als er gegen 3.45 Uhr aufwacht, sei „alles rot erleuchtet“ gewesen, erzählt Wolfgang Abichat. Kurz darauf hört er die Sirene und wie jemand an seine Tür klopft. Dann muss es schnell gehen: Er weckt seine Familie. Der 15-jährige Sohn habe so fest geschlafen, dass er „fast die Tür eingeschlagen“ habe, sagt er. Der Hund, ein Riesenschnauzer-Labrador-Mischling, spürt die Gefahr, ist aber wie gelähmt. „Den mussten wir rauszerren.“
Es ist höchste Zeit: Als Abichat im Treppenhaus noch an die Tür seiner Nachbarn klopft, sieht er bereits, „wie die Glut herunterkommt“. „Das macht einem schon Angst“, räumt der 60-Jährige ein.
Abichat steht barfuß in der Kälte. Auch die anderen Hausbewohner können in der Nacht nur das retten, was sie am Körper tragen. Und müssen zusehen, wie sich das Feuer immer weiter in das Haus frisst, bis schließlich der Dachstuhl einstürzt. Seine Frau und er haben in dieser Nacht nur einen Gedanken: Zum Glück waren die Töchter und der Enkel, die in der Wohnung über ihnen leben, nicht zuhause.
Lange müssen sie nicht auf der Straße ausharren. „Die Nachbarschaft war sofort da.“ Und handelt. Eine Familie habe ihr Haus angeboten, damit die Rettungsdienst dort die Personalien der Hausbewohner aufnehmen kann. Anschließend sind sie, wie Familie Abichat, bei Verwandten, bei Freunden oder in Ferienwohnungen untergekommen.
Das Absperrband flattert im eisigen Wind. Verkohlte Wände ragen wie Gerippe in den Himmel, auf dem Boden türmt sich Schutt. „Man funktioniert einfach“, sagt Abichat zu der Nacht, in der das Feuer ganze Arbeit geleistet hat. Richtig kapiert, was da passiert ist, habe er es erst einen Tag später – „als wir an dem Haus vorbeigefahren sind und gesehen haben, dass alles zerstört ist“. Da kam auch die Emotionen. Er weiß: „Wir können von Glück reden, dass niemand verletzt worden ist.“
„Die Hilfsbereitschaft ist riesig, ich weiß nicht, wie ich mich dafür bedanken soll.“
Wolfgang Abichat
Der Schreck dieser Nacht muss erst einmal verarbeitet werden. Seiner Tochter gehe es „schlecht“, sagt er, obwohl sie in der Nacht nicht im Haus war. Der Brand habe alte Erinnerungen geweckt: Als die junge Frau noch in Memmingen gelebt hat, habe sie dort 2024 im Quartier Kalkerfeld die Explosion eines Reihenhauses miterlebt. Damals gab es einen Toten und sieben Verletzte. „Da war sie traumatisiert“, sagt ihr Vater. Und jetzt kommt sie aus der Schweiz zurück und hat kein Zuhause mehr.
Nach dem Brand durfte Wolfgang Abichat nur einmal kurz mit der Feuerwehr in die Wohnung, die sieben Jahre sein Zuhause war. Die erste Bilanz war ernüchternd: „Alle Dokumente sind aufgeweicht und unleserlich.“ Was seiner Frau am meisten zusetzt: Auch die Kinderbilder sind zerstört. „Die Hoffnung, dass wir noch etwas retten können, ist gestorben.“ Denn seit Freitag steht nun endgültig fest: Die Mieter dürfen ihre Wohnungen nicht mehr betreten – die Einsturzgefahr sei zu groß, erklärt Abichat.
„Wir haben viel geweint“, sagt der Familienvater. Nicht nur wegen des Verlustes, auch die große Hilfsbereitschaft habe die Familie gerührt. Ob Bürgermeister, Hausbesitzer, Neuapostolische Kirchengemeinde, Nachbarn, Freunde oder Fremde: Viele Menschen unterstützen sie nach dem Brand. Abichat berichtet von Freunden, die Geschirr, Handtücher und Möbel in ihrem Keller zwischenlagern, von der Spendenaktion des „Allgäuer Hilfsfonds“, aber auch von privaten Spendenaktionen, die Menschen für sie ins Leben gerufen haben.
Dass auch Geschäftsleute viele Aktionen zugunsten der betroffenen Familien starten, überwältigt ihn. „Die Hilfsbereitschaft ist riesig, ich weiß nicht, wie ich mich dafür bedanken soll.“
Es gibt noch einen Lichtblick. Familie Abichat wird bald eine neue Bleibe bekommen. In Goßholz haben sie eine Wohnung in Aussicht – vorerst für ein Jahr. „Ich bin erleichtert, dass wir wieder ein Dach über dem Kopf haben“, sagt Wolfgang Abichat.
Als die Einsatzkräfte eintreffen, steht das Gebäude nahezu komplett in Flammen. Foto: Richard Rädler
So sah das Gebäude des ehemaligen Bahnhotels vor ziemlich genau zwei Jahren aus. Foto: Horst Liebing
Der Anblick schmerzt ihn: Wolfgang Abichat vor dem zerstörten Wohnhaus, in dem er mit seiner Familie gelebt hat. Der 60-Jährige ist zugleich überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft seiner Mitmenschen. Foto: Yvonne Roither